{"id":10559,"date":"2024-06-03T08:48:49","date_gmt":"2024-06-03T08:48:49","guid":{"rendered":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/?page_id=10559"},"modified":"2024-06-03T08:56:22","modified_gmt":"2024-06-03T08:56:22","slug":"2014-2015-garten-von-godot","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/texte\/2014-2015-garten-von-godot\/","title":{"rendered":"Garten von Godot &#8211; Look first. Think later."},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Dance first. Think later. <br \/>\n<\/span><strong><span style=\"font-size: 18pt;\">GARTEN VON GODOT<\/span><\/strong><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Ein Theaterabend nach Samuel Beckett szenisch und dramaturgisch eingerichtet von Peter Kratz<\/span><br \/>\n&#8211; Ein Essay zur Inszenierung von Lena Fritschle &#8211; \u00a0<\/p>\n<p>Verlassenheit und Absurdit\u00e4t, Liebe und Gott sind die gro\u00dfen Themen Samuel Becketts, der das europ\u00e4ische Theater mit St\u00fccken wie \u201eWarten auf Godot\u201c so nachhaltig gepr\u00e4gt hat. An diesen zeitlosen B\u00fchnenklassiker lehnte sich der Theaterabend \u201eGarten von Godot\u201c an.<\/p>\n<p>Mit einer Reihe von Einaktern Becketts und der Textcollage \u201eGarten von Godot\u201c erkundete die Inszenierung von Peter Kratz die Weite des Beckettschen Universums \u2013 gleichsam von den Schwarzen L\u00f6chern der existentiellen Verlassenheit bis zu den funkelnden Sternen der Dialoge. So entstand ein Tableau, das viele Facetten Becketts zeigte. Quer durch den gesamten Theatergarten wechselten die Schaupl\u00e4tze im Lauf des Theaterabends: eine W\u00fcstenlandschaft in glei\u00dfendem Licht, ein Nachtlager, ein Schaukelstuhl und ein verwilderter Garten. In diesem Universum wirkten Becketts Figuren wie Wanderer im Nirgendwo und \u00dcberall.<\/p>\n<p>\u201eGarten von Godot\u201c war ein Beckett-Abend, der die tiefen Fragen spielerisch leicht servierte. Stets auf der Suche nach einer Einheit aus Denken und Gef\u00fchl, K\u00f6rper, Text und Geist. Stets auf der Suche nach einer Sprache, die ohne viele Worte auskam. Und die gerade dadurch Einblicke ins Innerste des Menschen gestattete, die Streiflichter auf den gro\u00dfen, grenzenlosen Garten des Lebens warf. Voll heiterer Distanz aufs Wesentliche konzentriert \u2013 ganz im Sinne Becketts. Rundum ein gelungenes Experiment, das auch bei Publikum und Presse auf gro\u00dfes Interesse stie\u00df. Vielleicht sogar der Beginn einer Auff\u00fchrungsreihe, die in Zukunft unter dem Oberbegriff \u201eGarten von Godot\u201c weitere Autoren des experimentellen und absurden Theaters vorstellt.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 14pt;\">Zeit, dass sie endet<\/span><br \/>\n<\/strong><em>Die Diskrepanz zwischen \u00e4u\u00dferen Gegebenheiten und innerlicher Verzerrung<\/em> <br \/>\nSamuel Beckett &#8211; enge R\u00e4ume, dr\u00fcckende Stille. Schemenhafte Schattenfiguren, abstrahierte \u00dcberreste. Eine Welt in Graunuancen, von der vergangenen, alles verschlingenden Katastrophe zeugend, der eine allgegenw\u00e4rtige, diffuse Bedrohung eingeschrieben zu sein scheint. Kurzum: Zeigt die Natur ihr Gesicht, so ist es zur fratzenhaften Totenmaske erstarrt.<\/p>\n<p>Einen solchen Stoff im Rahmen des Theatersommers umsetzen zu wollen scheint absurd? Ist es auch. Und gerade darum eine hervorragende Voraussetzung f\u00fcr Experimente mit dem \u201eTheater des Absurden\u201c, zu dessen prominentesten Vertreter der irische Schriftsteller z\u00e4hlte.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 14pt;\">Die Darstellung des Absurden<\/span><\/strong><br \/>\nGleichg\u00fcltig, ob man von diesem nun die \u201eabsurde Darstellung\u201c oder die \u201eDarstellung des Absurden\u201c erwartet \u2013 glaubt man den Worten des Dramatikers Wolfgang Hildesheimer, so ist erstere Annahme auf Seiten des Publikums h\u00e4ufiger anzutreffen, welches sich weigere, das eigene Leben und Handeln als absurd zu betrachten, und daher in Scharen das Theater vorzeitig verlasse \u2013, die vor\u00fcbergehende Verwandlung des Cluss-Theatergartens in den \u201eGarten von Godot\u201c verstand beide Positionen f\u00fcr sich zu nutzen und so das scheinbare Oxymoron \u201eEndzeitstimmung im Gr\u00fcnen\u201c gekonnt zu demontieren.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist absurdes Theater ein Theater des Unheimlichen, entstanden im Frankreich der Nachkriegszeit. Es zeigt den &#8222;zur Freiheit verurteilten&#8220; Menschen als Sch\u00f6pfer seines Geschicks f\u00fcr den Sinn seiner Existenz selbstverantwortlich. Unter der Last dieser Verantwortung verm\u00f6gen seine Charaktere das sie umgebende Au\u00dfen nur noch durch den Zerrspiegel ihrer \u00c4ngste, Zwangsvorstellungen und Wahnbilder wahrzunehmen.<\/p>\n<p>So sch\u00f6pft sich eine sinnentleerte, farb- wie freudlose Welt, in der auch Sprache l\u00e4ngst nicht mehr der Kommunikation dient, sondern in als Dialogen getarnten, redundanten Monologen zum Folterwerkzeug mutiert, welches dem ewig Sinnsuchendenden das Schlagen zwischenmenschlicher Br\u00fccken und den damit verbundenen Halt verwehrt.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>Eine garten-eden-eske-Naturkulisse<\/strong> <\/span><br \/>\nErinnert man sich des \u201eAkt ohne Worte I\u201c, so gen\u00fcgte allein der Kontrast zwischen, schlussendlich in der Resignation \u2013 die sowohl als Sieg, den Ausstieg aus dem System, oder als Niederlage gewertet werden kann \u2013 m\u00fcndendem, \u00dcberlebenskampf und der lebendig-gr\u00fcnen &gt;&gt;garten eden esken&lt;&lt; Naturkulisse, um der Pantomime einen grunds\u00e4tzlichen Rahmen des Absurden zu verleihen und den Ursprung allen Elends in Wahrnehmung wie Verhalten des Protagonisten selbst zu markieren. Wo h\u00e4tte die Diskrepanz zwischen \u00e4u\u00dferen Gegebenheiten und innerlicher Verzerrung besser zur Geltung kommen k\u00f6nnen, als in der Idylle eines bl\u00fchenden Gartens?<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>Eine durchg\u00e4ngig liebevolle Perspektive<\/strong> <\/span><br \/>\nEben dieses Spannungsfeld war es, das dem Ensemble erm\u00f6glichte, sich inhaltlich einer Interpretation des absurden Theaters zu widmen, die dessen Absurdit\u00e4t weit eher in den verhandelten Gegenst\u00e4nden, als in deren spielerischer Umsetzung verortet.<\/p>\n<p>Gerade auf diesem Umstand fu\u00dfte die St\u00e4rke der Liaison zwischen dem Theatersommer und Samuel Beckett, erlaubte er doch eine durchg\u00e4ngig liebevolle Perspektive auf die zu Schau gestellte Absurdit\u00e4t des Zwischenmenschlichen zu wahren.<\/p>\n<p>Die durch den Garten irrenden Figuren sezierten Beziehungsgeflechte, Sehns\u00fcchte, \u00c4ngste und Abh\u00e4ngigkeit so auf \u00fcberraschend griffige Weise, ohne dabei einer Dramaturgie des Sinnhaften zu verfallen. Dennoch \u2013 oder gerade deswegen \u2013 f\u00fcgten sich poetische Satzfetzen, sinnentleerte Handlungen und die Lebendigkeit der Kulisse zu ber\u00fchrenden Momenten und pointierten Schlaglichtern auf das allt\u00e4gliche Handeln, deren eingeschriebenem Potential zur Selbstreflexion sich wohl die Wenigsten zu entziehen vermochten.<\/p>\n<p>Basierend auf der positiven Resonanz und der ausgebliebenen, verweigernden Gartenflucht des Ludwigsburger Publikums stehen die Chancen gut, sich 2015 auf eine Fortf\u00fchrung dieses Experimentes freuen zu k\u00f6nnen \u2013 man darf gespannt sein, wessen Figuren den, unter diesem Titel als thematische Reihe angedachten, \u201eGarten von Godot\u201c im n\u00e4chsten Sommer zu neuem Leben erwecken werden.<\/p>\n<p><em>(von Lena Fritschle &#8211; MA Dramaturgie Absolventin der ADK Baden-W\u00fcrttemberg, ThS 2014\/2015)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dance first. Think later. GARTEN VON GODOT Ein Theaterabend nach Samuel Beckett szenisch und dramaturgisch eingerichtet von Peter Kratz &#8211;&#8230; <span class=\"read-more\"><a href=\"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/texte\/2014-2015-garten-von-godot\/\" class=\"button button-darkgray small\"> Continue Reading &rarr; <\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":80,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/10559"}],"collection":[{"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10559"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/10559\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10566,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/10559\/revisions\/10566"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/80"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10559"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}