{"id":11183,"date":"2024-06-04T16:16:22","date_gmt":"2024-06-04T16:16:22","guid":{"rendered":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/?page_id=11183"},"modified":"2024-06-04T16:16:22","modified_gmt":"2024-06-04T16:16:22","slug":"fliegen-nie-schlafen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/fliegen-nie-schlafen\/","title":{"rendered":"FLIEGEN &#038; NIE SCHLAFEN"},"content":{"rendered":"<p><em>\u201eDreifach ist der Schritt der Zeit: Z\u00f6gernd kommt die Zukunft angezogen,<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<br \/>\n<\/span>pfeilschnell ist das Jetzt entflogen, ewig still steht die Vergangenheit.\u201c <span style=\"font-size: 10pt;\">Friedrich Schiller<\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 18pt;\"><b>Fliegen und nie schlafen<br \/>\n<\/b><\/span><span style=\"font-size: 10pt;\"><span style=\"font-size: 14pt;\">Ein Blick in die Zukunft<br \/>\n<\/span>VON CHRISTIANE WOLFF<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p>Shakespeare, Strindberg, Kleist, Schiller, Moli\u00e8re Kafka und etliche Filminszenierungen liegen schon fast lang zur\u00fcck, das erste Kinderst\u00fcck ist Geschichte, die 80 Pl\u00e4tze der ersten Trib\u00fcne wurden auf 250 aufgestockt, der Theatersommer ist gro\u00df geworden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Am Anfang hatte der Theatersommer die Grundstruktur einer freien Gruppe. Die Keimzelle allen kreativen Theaters, unabh\u00e4ngig von einem \u00fcberm\u00e4chtigen b\u00fcrokratischen Apparat mit seinen Hierarchien, unabh\u00e4ngig von der mitunter m\u00e4chtigen Routine unk\u00fcndbarer Schauspieler\/innen und unabh\u00e4ngig von der bisweilen vorhandenen Verantwortungslosigkeit<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>tingelnder Regisseur\/innen. Getragen von dieser Unabh\u00e4ngigkeit, machte der Theatersommer 1990 ein Wagnis, suchte Mitstreiter, die bereit waren sich ebenso zu identifizieren,<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>sich kr\u00e4ftem\u00e4\u00dfig in jeder Hinsicht auszubeuten, \u00fcber das Rollenverst\u00e4ndnis des angestellten Schauspielers hinaus mit zu denken, mit zu erschaffen, mit zu k\u00e4mpfen f\u00fcr die Verwirklichung eines Theatertraums. Der Theatersommer konnte sich sowohl das Wagnis als auch die Unabh\u00e4ngigkeit leisten, er war ja noch klein.<\/p>\n<p>Aber die Unabh\u00e4ngigkeit w\u00e4re dort zu Ende gewesen, wo der Misserfolg begonnen h\u00e4tte. Das Gespenst des Misserfolgs forderte einen st\u00e4ndigen inneren und \u00e4u\u00dferen Spagat zwischen den Anspr\u00fcchen an die Kunst und den Anspr\u00fcchen an die hochgerechneten Zuschauerzahlen, die zum finanziellen \u201e\u00dcberleben\u201c notwendig waren.<\/p>\n<p>Die steigenden Zuschauerzahlen waren es, die das Fortbestehen, den Fortschritt und somit noch mehr Kreativit\u00e4t im Theatersommer erm\u00f6glichten. Der Anspruch, an den in<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Zuschauerzahlen ablesbaren Erfolg, war das von Beginn an mitbestimmende Diktat, dem sich der Theatersommer auch immer verpflichtet f\u00fchlte. Das Diktat des zahlenm\u00e4\u00dfigen Erfolges nahm Einfluss auf die St\u00fcckauswahl, auf die Wahl der Schauspieler\/innen und auf die Phantasie und hatte somit auch oft bremsenden Einfluss auf die Kreativit\u00e4t. Ein Paradoxon! Der wachsende Erfolg erm\u00f6glichte den strukturell notwendigen Aufbau und schr\u00e4nkte die Freiheit der Spielplangestaltung gleicherma\u00dfen ein.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Aber wie geht es weiter, wenn die Zuschauerzahlen allein schon aus Kapazit\u00e4tsgr\u00fcnden nicht mehr zu steigern sind? Was sind in den n\u00e4chsten Jahren die Ziele des Theatersommers? Darf sich der Theatersommer seines Erfolges so sicher sein, dass er sich die Freiheit nehmen kann, an seine Wurzeln zur\u00fcckzudenken \u2013 zur\u00fcck in die Zeit der Wagnisse \u2013 und Projekte anvisiert, mit denen erfahrungsgem\u00e4\u00df nicht so viele Zuschauerzahlen zu machen sind wie mit anderen, und deren Verwirklichung eine Menge Wagemut erfordert? Oder gef\u00e4hrdet der Theatersommer damit erneut seine Existenz?<\/p>\n<p><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>\u201eSmall ist beautiful\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>hei\u00dft ein erster Schritt in die vielleicht richtige Richtung. \u201eSmall ist beautiful\u201c &#8211; eine Vorgabe, die auch gesellschaftspolitisch vielleicht richtungsweisenden Charakter haben k\u00f6nnte. Schon bei dem Projekt \u201eGarten von Godot\u201c waren die Zuschauerzahlen nicht das Ziel des Erfolges und mit der Wiederaufnahme dieser k\u00fcnstlerisch h\u00f6chst wertvollen Produktion setzt der Theatersommer ein Zeichen. Ebenso mit der Inszenierung von John von D\u00fcffels \u201eAlle 16 Jahre im Sommer\u201c. Erstmals steht ein zeitgen\u00f6ssischer Autor eines relativ unbekannten St\u00fccks in einer Produktion f\u00fcr die gro\u00dfe B\u00fchne auf dem Spielplan. Auch \u201eDie Wand\u201c, ein Roman-Monolog von Marlen Haushofer, ist kein s\u00fcffiger \u201eHochsommerstoff\u201c,<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>sondern ein nachdenkliches Erz\u00e4hlst\u00fcck, das zum Hinhorchen auffordert.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Die Produktion setzt die mit \u201eGarten von Godot\u201c begonnene Reihe \u201eSmall is beautifull\u201c fort.In diesem \u201eSmall\u201c liegt nicht nur eine gesellschaftspolitische Chance, sondern auch eine k\u00fcnstlerische Vision. \u201eKleines\u201c erfordert mehr Aufmerksamkeit um wahrgenommen zu werden und diese zus\u00e4tzliche Aufmerksamkeit wird von dem wichtigsten Mitarbeiter im Theater erwartet: dem Publikum.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Wird das Theatersommer-Publikum mitgehen? Wenn ja, dann schenkt es dem Theatersommer mit seinem Vertrauen eine Zukunftsperspektive, die auch Wagnisse in einem gr\u00f6\u00dferen Rahmen erm\u00f6glichen wird. Dann wird das Publikum sich auch dem Hinhorchen \u00f6ffnen, wenn es um moderne Autoren geht, um gesellschaftspolitisch kritische Stoffe, um ungewohnte Kost, um Chaos der Blickwinkel, um \u00dcberraschung und Verwirrung der Gewohnheiten. Und an den Theatersommer wird das Publikum damit die Forderung stellen, seinen Schatz an Erfahrung neu in den Dienst der Fantasie zu stellen und unbekanntes Terrain zu erobern \u2013 gedanklich, inhaltlich, emotional und formal.<\/p>\n<p>Sicherlich wird es weiterhin notwendig sein, die Wagnisse der Zukunft durch unterhaltende Genussst\u00fcckchen auszugleichen, bei denen allein schon durch Titel und St\u00fcckauswahl hohe Zuschauerzahlen zu erwarten sind. Es bleibt unser Anspruch, auch mit diesem Genre die Herzen des Publikums zu erobern.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Mut darf nie versiegen, auch nicht die Hoffnung, Wesentliches schaffen zu k\u00f6nnen, das nicht \u00fcberfl\u00fcssig ist, sondern gebraucht wird wie eine Nahrung f\u00fcr die Seele. Wollen wir hoffen, dass uns dies mit Fantasie, Kreativit\u00e4t und Originalit\u00e4t auch weiterhin erfolgreich gelingen wird, ohne dem Glauben an das Wagnis die Treue zu brechen. Wollen wir hoffen, dass uns nie der Mut verl\u00e4sst, das Wagnis zu denken, zu f\u00fchlen, aufzusuchen und in die Tat umzusetzen. Denn Wagnisse kann sich die Gesellschaft heute kaum mehr leisten. Der Rahmen ist eng, die Fallh\u00f6he gro\u00df &#8211; je h\u00f6her man steigt, um so tiefer kann man fallen! Da hat es keinen Sinn, sich festzuhalten! <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Fliegen ist die einzige Alternative. Fliegen und nie schlafen, das sind die Tugenden, in denen sich die Samurais des Theaters immer ge\u00fcbt haben. Wollen wir hoffen, dass wir noch lange den Mut haben, uns an diese Tugenden zu erinnern und weiter versuchen werden zu fliegen. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDreifach ist der Schritt der Zeit: Z\u00f6gernd kommt die Zukunft angezogen,\u00a0 pfeilschnell ist das Jetzt entflogen, ewig still steht die&#8230; <span class=\"read-more\"><a href=\"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/fliegen-nie-schlafen\/\" class=\"button button-darkgray small\"> Continue Reading &rarr; <\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/11183"}],"collection":[{"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11183"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/11183\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11184,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/11183\/revisions\/11184"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11183"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}