{"id":5149,"date":"2014-02-18T10:14:48","date_gmt":"2014-02-18T10:14:48","guid":{"rendered":"http:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/?page_id=5149"},"modified":"2024-06-28T07:32:44","modified_gmt":"2024-06-28T07:32:44","slug":"interview-peter-kratz","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/interviews\/thema-inszenierungen\/interview-peter-kratz\/","title":{"rendered":"Pathos, Leidenschaft, Kitsch, Tragik, Sehnsucht und Wut"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"font-size: 18pt;\">Pathos, Leidenschaft, Kitsch, Tragik, Sehnsucht und Wut<\/span><br \/>\nInterview mit dem Regisseur Peter Kratz zur Inszenierung von Schillers &#8222;Die R\u00e4uber&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #7d4a26;\"><em>Nach \u201eKabale und Liebe\u201c, \u201eDon Carlos\u201c und \u201eWallenstein\u201c nun \u201eDie R\u00e4uber\u201c. Was ist so faszinierend an Schiller? <\/em><\/span><br \/>\nPeter Kratz: Ich kenne keinen anderen Autor, der Pathos, Leidenschaft, Kitsch, Tragik, Sehnsucht und Wut so genial in Worte und Dialoge fassen kann. Das fasziniert mich immer wieder aufs Neue.<\/p>\n<p><span style=\"color: #7d4a26;\"><em>Wenn ich an die R\u00e4uber denke, erwarte ich auf der B\u00fchne eine Horde junger wilder Schauspieler. Die Besetzung dieses Stoffes mit zwei erfahrenen Schauspielerinnen und Schauspielern ist ungew\u00f6hnlich. War diese Besetzung ein Sachzwang, der mit den Wiederaufnahmen zu tun hatte?<\/em><\/span><br \/>\nPeter Kratz: Die Besetzung war von Anfang an Teil der Konzeption. Fernab jeder mir bekannten Interpretation stellte die Inszenierung einen \u00e4lteren Schauspieler in den Vordergrund, der aus der Perspektive des gealterten Karl von Moor die Geschichte seiner Jugend erz\u00e4hlte. Dadurch bestand die M\u00f6glichkeit, Schillers Rollenkonzept von mehr als zwanzig Rollen vollst\u00e4ndig aufzul\u00f6sen, auf wenige Rollen zu konzentrieren und aus verschiedenen Perspektiven neu zu beleuchten. F\u00fcr diese Reise ins Innere der R\u00e4uber brauchte ich unbedingt ein erfahrenes Ensemble und keine jugendlichen Draufg\u00e4nger.<\/p>\n<p><span style=\"color: #7d4a26;\"><em>Was stand bei der Auseinandersetzung mit den Inhalten von Schillers R\u00e4ubern im Vordergrund?<\/em><\/span><br \/>\nPeter Kratz: Einen neuen Blick auf das St\u00fcck zu werfen. Ich habe das St\u00fcck schon in vielen Varianten an anderen Theatern gesehen und mich ehrlich gesagt oft gelangweilt. Speziell in den letzten beiden Akten des Originals merkt man deutlich, dass es sich dramaturgisch um das Erstlingswerk eines Zwanzigj\u00e4hrigen handelt.<\/p>\n<p><span style=\"color: #7d4a26;\"><em>In der Theatersommer-Fassung werden Texte von Schiller mit selbst Verfasstem gemischt und es wird auch Zeitgen\u00f6ssisches zitiert. Das hat schon fast Tradition, und das Publikum empfindet diesen Schachzug als Bereicherung. <\/em><\/span><br \/>\nPeter Kratz: Bis auf den Prolog des alten Karl Moor, der die Zuschauer am Anfang auf die erz\u00e4hlerische Ebene der Inszenierung einstimmt, gibt es wenig selbst Verfasstes. Vielleicht noch einige kleine, freche Aussteiger, um den hohen Ton Schillers etwas zu brechen. Ansonsten haben wir nur Schillers Texte benutzt. Im zweiten Teil wurde kein einziges Wort dazugedichtet. Also 98 % Schiller pur!<\/p>\n<p><span style=\"color: #7d4a26;\"><em>Wie entstand das Gleichgewicht zwischen Tragik und Humor, ohne in die Persiflage abzugleiten?<\/em><\/span><br \/>\nPeter Kratz: Mit Selbstironie und Distanz. Wenn bestimmte Szenen aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar, aber trotzdem f\u00fcr die Handlung unverzichtbar sind, dann darf man auch mal bei einem ernsten Klassiker schmunzeln. Spannend wird es, wenn die Ironie unmittelbar von Tragik gebrochen werden muss. Dann braucht man ausdrucksstarke Schauspieler und \u00fcberzeugende szenische Ideen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #7d4a26;\"><em>Die Arbeit am Text war sicher au\u00dfergew\u00f6hnlich anspruchsvoll. Hat das mehr Zeit und Nerven gekostet als sonst?<\/em><\/span><br \/>\nPeter Kratz: Speziell in \u201eDie R\u00e4uber\u201c heben sich die manchmal ausufernden, aber im Kern immer genialen Sprachgem\u00e4lde noch deutlich vom Rest des dramatischen Werks Schillers ab. W\u00e4hrend der Probenarbeit war dies die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr das Ensemble. Es bedurfte einer viel intensiveren Auseinandersetzung mit dem Text, bevor sich die Sprache Schillers so gefestigt hatte, dass sich die Schauspieler auf die eigentlichen Spielsituationen konzentrieren konnten.<\/p>\n<p><span style=\"color: #7d4a26;\"><em>In den \u201eR\u00e4ubern\u201c transportiert das Zusammenspiel zwischen der Musik und den Bildern die psychologischen Abgr\u00fcnde der Geschichte. In welchem Ma\u00df werden diese ungew\u00f6hnlichen Umsetzungen gemeinsam mit dem Ensemble entwickelt? <\/em><\/span><br \/>\nPeter Kratz: Bevor es mit der eigentlichen Inszenierungsarbeit losgeht, setzte ich mich intensiv mit dem Stoff auseinander. Diese Vorbereitung ist sehr vielschichtig. Vor diesem Hintergrund entsteht dann die komplexe Bearbeitung des Originals. Schon beim Schreiben der Adaption suche ich nach musikalischen Stimmungen, die mich inspirieren. Meist gibt es dann auch schon eine Idee f\u00fcr das B\u00fchnenbild. Nach und nach setzen sich so erste Bilder und Stimmungen in meiner Fantasie fest. Wenn dann die Proben beginnen, geht es zuerst einmal darum, die szenischen Situationen zusammen mit dem Ensemble zu \u00fcberpr\u00fcfen. Das mache ich meist ohne Text, sondern konzentriere mich nur auf die psychologische Handlungsstruktur einer Szene. Schon hier spielt die Musik eine gro\u00dfe Rolle, denn sie gibt eine Stimmung vor, die die Schauspieler im Gl\u00fccksfall so stark inspiriert, dass der Kern einer Figur oder einer Szene emotional und k\u00f6rperlich erfassbar wird. Die eigentliche Probenarbeit besteht dann meist darin, die wahrhaftigsten dieser Momente wiederzufinden, sie zu differenzieren und mit dem Text zu verbinden. Deshalb arbeite ich am liebsten mit Schauspielern zusammen, die meiner Konzeption voll vertrauen und ihre ganze Kreativit\u00e4t in die schauspielerische Ausdruckskraft stecken.<\/p>\n<p><span style=\"color: #7d4a26;\"><em>Diesen Sommer konntest Du mit demselben Ensemble arbeiten, mit dem Du auch 2012 gearbeitet hast. Hat die Vertrautheit alle befl\u00fcgelt? Wurden Grenzen \u00fcberschritten, die man sonst nicht erreicht? <\/em><\/span><br \/>\nPeter Kratz: Es hat etwas gedauert, bis jeder Einzelne erkannt hat, dass durch die Vertrautheit mehr m\u00f6glich ist als sonst. Da schlie\u00dfe ich mich mit ein. Am wichtigsten war jedoch die Gelassenheit. Durch den Erfolg von \u201eHarry und Sally\u201c und \u201eKinder des Olymp\u201c musste niemand dem anderen etwas beweisen. Dadurch entstand eine konzentrierte, unaufgeregte Arbeitsatmosph\u00e4re. Speziell bei Schiller braucht man die, denn Schillers Sprache zu verinnerlichen, ist ein langwieriger Prozess, bei dem man leicht die Orientierung verlieren kann.<\/p>\n<p><span style=\"color: #7d4a26;\"><em>\u201eDie R\u00e4uber\u201c waren als kleine, experimentelle Produktion geplant und der Erfolg hat alle \u00fcberrascht. Warum hast Du mit diesem Erfolg nicht gerechnet und wie erkl\u00e4rst Du Dir diese \u00dcberraschung?<\/em><\/span><br \/>\nPeter Kratz: Die Rolle des jugendlichen Helden wird von einem f\u00fcnfzigj\u00e4hrigen Schauspieler gespielt, der auch noch gleichzeitig den eigenen Vater darstellt. Dazu eine R\u00e4uberbande, die im wesentlichen aus einer Frau besteht. Eine maximale Reduktion des Textes und ein v\u00f6llig neu interpretiertes Ende. Eine gewisse Skepsis war auf jeden Fall angebracht. Etwas untersch\u00e4tzt habe ich vielleicht auch die innere Verbindung der Schwaben zu \u201eihrem\u201c Schiller. Darin liegt vielleicht auch eine der Ursachen, warum an Schillers \u201eDie R\u00e4uber\u201c von Anfang an ein hohes Ma\u00df an Interesse und Aufmerksamkeit bestand, obwohl wir die Inszenierung als Theater-Experiment angek\u00fcndigt hatten.<\/p>\n<p><span style=\"color: #7d4a26;\"><em>Was hat Dich als Regisseur an der Arbeit mit den R\u00e4ubern und diesem Ensemble am gl\u00fccklichsten gemacht?<\/em><\/span><br \/>\nPeter Kratz: Ganz egal, ob sich die Zuschauer an der Sprache begeisterten oder an der Neuinterpretation des Originals oder am intensiven Spiel der Schauspieler. Immer wieder war nach der Auff\u00fchrung zu h\u00f6ren, dass die Inszenierung dazu anregte, das Gesehene mit dem Original zu vergleichen oder einfach nur mal wieder Schiller zu lesen. Am Ende siegte also das Theater und damit nat\u00fcrlich auch \u201eunser\u201c Schiller. So soll es sein!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pathos, Leidenschaft, Kitsch, Tragik, Sehnsucht und Wut Interview mit dem Regisseur Peter Kratz zur Inszenierung von Schillers &#8222;Die R\u00e4uber&#8220; Nach&#8230; <span class=\"read-more\"><a href=\"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/interviews\/thema-inszenierungen\/interview-peter-kratz\/\" class=\"button button-darkgray small\"> Continue Reading &rarr; <\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":7423,"menu_order":1,"comment_status":"closed","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5149"}],"collection":[{"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5149"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5149\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11192,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5149\/revisions\/11192"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7423"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5149"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}