{"id":6195,"date":"2014-10-21T09:19:52","date_gmt":"2014-10-21T09:19:52","guid":{"rendered":"http:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/?page_id=6195"},"modified":"2024-06-04T16:52:19","modified_gmt":"2024-06-04T16:52:19","slug":"essay-von-lena-fritschle","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/texte\/essay-von-lena-fritschle\/","title":{"rendered":"Von der Leinwand auf die B\u00fchne"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"font-size: 18pt;\">VON DER LEINWAND AUF DIE B\u00dcHNE<br \/>\n<\/span><\/strong>Ein Essay von Lena Fritschle<\/p>\n<p><strong><br \/>\n<\/strong>\u201eFr\u00fchst\u00fcck bei Tiffany\u201c, \u201eHarold &amp; Maude\u201c, \u201eHarry &amp; Sally\u201c, \u201eDie Kinder des Olymp\u201c, \u201eEine Mittsommernachts-Sexkom\u00f6die\u201c,\u00a0 \u201eHimmel \u00fcber Berlin\u201c, \u201ePurple Rose of Cairo\u201c oder \u201eDown by Law\u201c. Sieben Filmstoffe, darunter vier deutschsprachige Erstauff\u00fchrungen, sind es, die die beiden k\u00fcnstlerischen Leiter des Theatersommers Christiane Wolff und Peter Kratz sich mittlerweile auf die Fahne schreiben d\u00fcrfen. Eine reife Leistung, zumal die Umsetzung filmischer Vorlagen auf der Theaterb\u00fchne nun nicht gerade ein einfaches Pflaster ist, verkehrt sie doch die oftmals fest in den K\u00f6pfen verankerte Vorstellung, der Film sei die &#8218;optimierte&#8216; Variante des szenischen Erz\u00e4hlens.<\/p>\n<p>Seit des rasanten Aufstiegs des Films zum Massenmedium in der ersten H\u00e4lfte des letzten Jahrhunderts, toppen die Besucherzahlen der Kinos die der Theater mit links. Begr\u00fcndet wird dies unter anderem gerne damit, dass auf der (Mainstreamkino-)Leinwand \u2013 dank Montage und Kameraf\u00fchrung \u2013 oftmals spielend gelingt, was auf der B\u00fchne wahlweise nicht intendiert, oder aber eine \u2013 nicht immer erf\u00fcllbare \u2013 Kunstform ist: die vollst\u00e4ndige Illusion einer Realit\u00e4t, die den Zusehenden vergessen l\u00e4sst, dass die dargebotene Welt nichts als die blo\u00dfe Behauptung einer solchen ist.<br \/>\nAllzu gerne bem\u00e4ngeln kritische Stimmen also, mitrei\u00dfende Filmwelten b\u00fc\u00dften in deren B\u00fchnenumsetzung ihren Charme ein. Nat\u00fcrlich stellt die Adaption einer solchen Vorlage vor Herausforderungen, muss doch f\u00fcr jede, aus der Dramaturgie des Stoffes begr\u00fcndete, filmische Gro\u00dfaufnahme z.B. eine neue, theatralische Variante der Umsetzung gefunden werden, die sich klar von der Vorlage abzugrenzen und sie dennoch zu \u00fcbersetzen versteht. Dass dies jedoch durchaus gelingen kann, dar\u00fcber scheinen sich, wie ein Blick auf aktuelle Spielpl\u00e4ne beweist, mittlerweile Theaterschaffende wie Publikum einig zu sein.<\/p>\n<p><strong>THEATERSOMMER &#8211; FILMSTOFFE ALS IMPULSGEBER DES REPERTOIRES<\/strong><br \/>\nEiner der Ersten die sich, 2002 mit \u201eDown by Love\u201c nach Jim Jarmuschs \u201eDown by Law\u201c, der Herausforderung stellten, war der Theatersommer, welcher seither, neben Literatur und Theater, auch den Film zu den regelm\u00e4\u00dfigen Impulsgebern seines Repertoires z\u00e4hlen kann. Mit Erfolg, wie Besucherzahlen und Kritiken best\u00e4tigen und das, obwohl die k\u00fcnstlerische Leitung sich die berechtigte Freiheit herausnimmt, den Stoff nicht nur hinsichtlich der angesprochenen, zwingenden \u00dcbersetzung in ein anderes Medium zu bearbeiten, sondern auch das Drehbuch miteinzubeziehen, das meist weitaus mehr zu erz\u00e4hlen hat, als das filmische Endprodukt glauben macht.<\/p>\n<p>Letztendlich kann die Entscheidung, das Spektrum um den Bereich \u201eFilmadaption\u201c zu erweitern, als kluges Zugest\u00e4ndnis an die ver\u00e4nderten Rezeptionsgewohnheiten im Laufe der letzten Jahrzehnte verstanden werden. W\u00e4hrend das Wissen um die Inhalte dramatischer Stoffe drastisch abnimmt, haben Filmklassiker wie \u201eFr\u00fchst\u00fcck bei Tiffany\u201c, \u201eHarold und Maude\u201c oder \u201eHarry &amp; Sally\u201c eine nachdr\u00fcckliche Pr\u00e4senz im kollektiven Ged\u00e4chtnis. Was also in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts noch Goethes \u201eStella\u201c gewesen sein mag, eine Figur die im Laufe der Jahre zur Vertrauten wurde und in verschiedenen Inszenierungen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden konnte, ist (nicht nur) f\u00fcr die Generationen 40+ nun beispielsweise Capotes Holly Golightly. Zumindest beinahe, denn: Nat\u00fcrlich kommt dem Film seine F\u00e4higkeit zur unersch\u00f6pflichen Reproduktion zugute. Ist man allerdings ehrlich \u2013 neue Blickwinkel ergeben sich, zumindest aus der Geschichte selbst heraus, auch bei mehrfachem Ansehen, nicht.<\/p>\n<p>Hier setzten die Adaptionen des Theatersommers an, wagen bei der Inszenierung dieser \u201eKlassiker\u201c neue, eigene Akzentuierungen und zeigen damit auf, dass auch die vertraute filmische eben nur eine Variante unter vielen ist, in\/mit der sich die vertraute Geschichte erz\u00e4hlen l\u00e4sst. Das Konzept erweist sich, nicht nur in Anbetracht des stetig wachsenden Publikums, als durchaus erfolgreich. Was den Theatermachern in der Gunst des Publikums zu Gute kommt, hat jedoch auch eine Kehrseite. So gelten gerade kleinere Freilichtb\u00fchnen h\u00e4ufig als gerne untersch\u00e4tzte Underdogs, deren Wirken weit eher in der Unterhaltung, denn der Verhandlung gesellschaftlich relevanter Themenkomplexe beheimatet ist.<\/p>\n<p><strong>EINE KURZE GESCHICHTE<\/strong><br \/>\n<strong> DES (FREILICHT)THEATERS<\/strong><br \/>\nBedenkt man, dass das erste geschlossene Theatergeb\u00e4ude Europas \u2013 das Teatro Olympico in Parma \u2013 erst im Jahre 1560 erbaut wurde, der Ursprung des europ\u00e4ischen Theaters jedoch bereits im antiken Griechenland zu finden ist, dr\u00e4ngt sich die Frage nach dem Ursprung einer solchen Annahme geradezu auf. Denn die um 400 v. Chr. zu Ehren des Fruchtbarkeitsgottes Dionysos errichteten B\u00fchnenanlagen, auf welchen Trag\u00f6dien und sp\u00e4ter aufkommende Kom\u00f6dien die B\u00fcrger zu unterhalten suchten, waren: Freilichttheater. Der Idee, den auch heute noch gespielten Werken eines Euripides oder Sophokles die gesellschaftliche Relevanz absprechen zu wollen, w\u00fcrde wohl so schnell niemand verfallen.<\/p>\n<p>Einen inhaltlich wie architektonischen Wandel erlebte das Theater anschlie\u00dfend unter der folgenden r\u00f6mischen Vorherrschaft. Hatten die Anlagen \u2013 bestehend aus der \u201eSkene\u201c, einem anfangs noch h\u00f6lzernen B\u00fchnenhaus, der ihr vorgelagerten Spielfl\u00e4che \u201eOrchestra\u201c sowie im Laufe der Zeit hinzukommenden, ansteigenden Sitzreihen dem \u201eTheatron\u201c \u2013 in ihrer Beschaffenheit bis dahin die demokratische Kultur widergespiegelt, so wurden sie nun den Bed\u00fcrfnissen der r\u00f6mischen Machthaber angepasst. Auch das Programm war dementsprechenden Ver\u00e4nderungen unterworfen, Gladiatorenk\u00e4mpfe und Wagenrennen traten in den Vordergrund und erwiesen sich als mit dem Aufbau der griechischen Theater als nicht kompatibel. Ab dieser Zeit begannen sich die Freilufttheater \u2013 selbstverst\u00e4ndlich \u00fcber weitere, hier unerw\u00e4hnt bleibende Zwischenstufen \u2013 nach und nach in geschlossene Geb\u00e4ude zu verwandeln.<\/p>\n<p>Obgleich also das \u201eTheater\u201c, welches in der Antike urspr\u00fcnglich lediglich den Ort der Auff\u00fchrung bezeichnete, sich im Laufe der Jahrtausende immens ver\u00e4nderte, waren die grunds\u00e4tzlichen Motive, die unter anderem den \u00f6sterreichischen Kaiser Joseph II 1776 zur Er\u00f6ffnung des Burgtheaters trieben, denen der antiken Griechen und r\u00f6mischen Machthabern nicht un\u00e4hnlich.<br \/>\nIm Falle des griechischen Dionysos-Kult galt es, die im Rahmen dessen zelebrierten, ausschweifenden Festakte der Landbev\u00f6lkerung durch die Schaffung kultischer Spielst\u00e4tten zu zivilisieren, in Zeiten des r\u00f6mischen Reiches das Volk dank \u201eBrot und Spiele\u201c regierbar zu halten. Im \u00d6sterreich des 18. Jahrhunderts war man bestrebt, dem subversiven Treiben der \u2013 im Wurstlprater und damit einem Park beheimateten \u2013 Narrenfigur des \u201eHanswurst\u201c Einhalt zu gebieten, und zeitgleich durch die Einrichtung eines, von der Krone kontrollierten, Theaters, \u201edes sittlichen B\u00fcrgers Abendschule\u201c, die Untertanen zu gesellschaftsf\u00e4higen Patrioten zu formen.<\/p>\n<p><strong>ZUR\u00dcCK ZUM KONTROLLVERLUST<\/strong><br \/>\nVielleicht (und das mag nun pers\u00f6nliche Spekulation sein) fruchtet im 21. Jahrhundert gerade diese stetige Zielsetzung eines moralischen Bildungsanspruches, welche bewusst das Vorurteil intendierte, k\u00fcnstlerisch wie inhaltlich wertvolles (und somit \u201abildendes\u2018) Theater sei an die architektonische Voraussetzung des geschlossenen, oder doch zumindest fixierten Raumes gekn\u00fcpft, denn \u2013 und das war bereits den alten Griechen klar \u2013 ein solcher l\u00e4sst sich beherrschen, die Natur hingegen tut es nicht.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich muss eine Inszenierung, die in stetigem Kampf um Aufmerksamkeit in Konkurrenz mit einer lebendigen und somit unberechenbaren Umwelt steht, unterhalten. Und nat\u00fcrlich ist der Umstand, dass etwas unterh\u00e4lt, noch l\u00e4ngst kein Grund daf\u00fcr, es nicht ernst zu nehmen \u2013 man denke an besagten, mundtot gemachten Hanswurst, der unter gro\u00dfem Gel\u00e4chter pointiert politische Missst\u00e4nde anprangerte \u2013, auch wenn die Intention der \u201edes sittlichen B\u00fcrgers Abendschule\u201c in dieser Hinsicht schlagkr\u00e4ftigen Nachhall entfaltet und gen\u00fcgend Theaterschaffende wie -g\u00e4nger sich in der Selbstwahrnehmung sonnen, ihr in deren Tradition stehender Kunstbegriff sei die einzige Variante, dem Theater eine Daseinsberechtigung zukommen zu lassen.<\/p>\n<p>Und vielleicht (desgleichen hier) gelingt es aufgrund eben dieser Entwicklungsgeschichte gerade den, im Laufe der Geschichte unterdr\u00fcckten Open-Air-Veranstaltungen \u2013 dabei ist es erst einmal gleichg\u00fcltig, ob nun eine B\u00fchne oder Leinwand in deren Mittelpunkt steht \u2013 selbst chronische Kulturmuffel hinter dem Ofen hervorzulocken. Einfach weil das, gedanklich oftmals an Theaterbauten gekn\u00fcpfte Gef\u00fchl des moralischen Diktates hier hinf\u00e4llig wird und die unter freiem Himmel inszenierten Welten auch r\u00e4umlich wieder mit der des Alltages zu verschwimmen beginnen.<\/p>\n<p><strong>PERSPEKTIVE: HYBRID<\/strong><br \/>\nOb nun aber Blackbox-, Freilicht- oder Guckkastenb\u00fchne, die Einfl\u00fcsse des Films sind aus dem heutigen Theater ebenso wenig wegzudenken, wie das Theater aus dessen Urspr\u00fcngen. Der Wunsch nach einer Illusion des Erlebens allerdings w\u00e4chst mit den technischen M\u00f6glichkeiten, wie unter anderem die verst\u00e4rkte Tendenz zu Experimenten mit 3D-Effekten nahelegt. Zus\u00e4tzlich zur emotionalen strebt man nun auch nach der r\u00e4umlich-plastischen Vereinnahmung des Publikums. Vielleicht ist der Schritt, Filmstoffe auf die B\u00fchne zu bringen ja auch nur der erste von vielen, um irgendwann wiederzuvereinigen, was sich im Laufe der letzten 100 Jahre immer weiter voneinander zu entfernen schien.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 8pt;\">Lena Fritschle &#8211; Absolventin des Masterstudiengangs Dramaturgie f\u00fcr Theater-, Film- und Neue Medien an der ADK BW<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>VON DER LEINWAND AUF DIE B\u00dcHNE Ein Essay von Lena Fritschle \u201eFr\u00fchst\u00fcck bei Tiffany\u201c, \u201eHarold &amp; Maude\u201c, \u201eHarry &amp; Sally\u201c,&#8230; <span class=\"read-more\"><a href=\"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/texte\/essay-von-lena-fritschle\/\" class=\"button button-darkgray small\"> Continue Reading &rarr; <\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":80,"menu_order":4,"comment_status":"closed","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/6195"}],"collection":[{"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6195"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/6195\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11189,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/6195\/revisions\/11189"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/80"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foerderverein-theatersommer.net\/archiv\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6195"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}